What goes around comes around

Der Titel hat eigentlich genau nichts mit dem zu tun, um was es gleich geht.

Sehr lange hat die liebe Michi hier ohne mich geschrieben. Ich war etwas unmotiviert und auch etwas sehr viel beschäftigt, der Kopf voller Gedanken, die geordnet werden mussten. Jetzt bin ich zur Ruhe gekommen, seit etwas mehr als einem Monat in Leipzig, angekommen und zufrieden soweit.

Aber das ist nicht das Thema. Letztens unterhielt ich mich mit einer Bekannten über den Flugzeugabsturz, der ja an keinem vorbei gegangen ist. Nun heißt es, der Pilot war depressiv, hat alle in den Tod gerissen. Dolle Geschichte. Nun wird das ganze pauschalisiert, depressiv: stürzt alle in den Tod. Bums aus.

Ich versuchte meine Bekannte dann aufzuklären, dass depressive Menschen nicht darauf bedacht sind andere umzubringen, sondern sich selbst. Es klingt dann eher danach, als wäre er in einer manischen Phase gewesen und es muss einfach noch eine andere Persönlichkeitsstörung eine Rolle gespielt haben.

Anyway, meine Bekannte fragte natürlich, wieso ich das alles so genau weiß. Da ich kein Geheimnis aus der Sache mache, fiel ich mit der Tür ins Haus: Ich bin seit vielen Jahre depressiv und kämpfe jeden Tag dagegen an. Wir sprachen dann recht ausgiebig darüber und sie bemerkte betrübt, dass man über dieses Thema kaum was weiß und sie bat mich nochmal, die Sicht eines Betroffenen zu beschreiben.

Ich hatte hier einst schon einen Beitrag zu diesem Thema, allerdings ist der durch den Umzug glaube ich verloren gegangen. Egal.

Damals nannte ich den Beitrag „meine schwarze Wolke“. Das passt immer noch sehr gut.

In der Zeit, als ich den o.g. Beitrag verfasste, war meine Wolke dunkelschwarz, es regnete meist, gewitterte oft. Nun scheint gerade sogar oft die Sonne, nur noch ganz selten schiebt sich eine kleine Wolke drüber, welche sich aber schnell wieder verflüchtigt.

Meine Bekannte wollte wissen, wie sich so eine Depression anfühlt. Das zu beantworten ist schwer, jeder Betroffene empfindet das anders. Ich versuche es aus meiner Sicht. In der schlimmsten Phase ist jeder Tag der Horror, man schleppt sich von Tag zu Tag, versucht ihn zu überleben. Manchmal geht man ewig nicht aus dem Bett, jeder Schritt ist zu viel. Es hat in diesem Moment keinen Sinn irgendwas produktives zu machen, es belastet nur noch mehr. Selbst wenn es einem eigentlich mal Spaß machte oder einen gar glücklich machte. Es wechselt zwischen absolutem Schmerz, Gefühlsneutralität und absoluter Ratlosigkeit, wie man den Tag schaffen soll. Manchmal start man einfach ewig in die Luft, versinkt im Sumpf seiner eigenen Gedanken und merkt nicht wie die Zeit davon rennt. Alles eigentlich schöne hinterlässt keine Spuren, man empfindet keine Freude, man empfindet nichts.

Man schafft sich seine eigene Hölle, welche man barfuß durchläuft und jede Lavapfütze mitnimmt. Jede. Es ist quasi unmöglich da wieder rauszukommen, nur ganz selten schafft man es, sich vor der Lavapfütze mal Schuhe anzuziehen.

Im Gegensatz zu den depressiven Phasen gibt es dann die manischen Phasen. Man packt sich seine Tage bis zum Ende voll. Arbeiten Sport, Freunde treffen und das wiederholt sich dann. Man geht übereuphorisch an alles ran, verendet im Kaufrausch und merkt nicht, wie man dadurch wieder schwächer wird und wieder in seinem Loch landet, welches einen auffrisst und Dir alle Kraft nimmt. In meinen schlimmsten Phasen habe ich mich selbst verletzt, um mich wieder selber zu fühlen und diesen Druck rauszulassen. Danach gab es immer diese Momente des „nichts“ … absolute Gefühlsneutralität, ich erinnere mich an diese rauschende Stille, die einfach alles betäubt hat.

Dann kam wieder die manische Phase. Was dann hilft? Absolute tiefe Liebe von meinen Freunden, die mir damals und teilweise heute noch zur Seite standen und mich aus diesem Sumpf rauszogen. Mich in die Wanne steckten und aus mir wieder einen Menschen machten, nachdem ich in Blut, Erbrochenem und Fäkalien aufwachte, nachdem ich zum 6. und letzten Mal versuchte mich umzubringen. Das ganze ist jetzt fast ein Jahr her.

Seit November 2014 bin ich wieder stabil. Ohne Rückfall. Meine schwarze Wolke ist allerhöchsten mal grau und nieselt ab und zu. Mein Wegzug aus Berlin hat wohl viel gebracht. Ab und zu prasselt alles auf mich ein. Größere Menschenmengen machen mich immer noch nervös, viele Geräusche bringen meinen Kopf zum explodieren …

Eine Frage die ich oft höre: Jule warum bist Du depressiv?

Bei mir ist es wohl ne posttraumatische Belastungsstörung. Bei jedem ist das unterschiedlich. Es kann eine Kleinigkeit auslösen. Bei mir ist es komplex und so einfach nicht zu beschreiben.

Wie geh ich mit einem depressiven Menschen um?

Auch das kann man pauschal wieder nicht sagen. Aber im Grunde wollen depressive Menschen meist einfach „nur“ das Gefühl haben nicht alleine zu sein, sie wollen gemocht/geliebt werden und das Gefühl haben, „zu Hause“ zu sein. Einsam und alleine sein ist Gift und sollte vermieden werden.

Jeder kann da raus kommen und es schaffen. Wie ich das geschafft habe ist mir ein Rätsel, eine Depression ist eine wirklich beschissene Krankheit die wirklich oft mit dem Tod endet. Ich hoffe wirklich sehr, dass mehr Menschen das Ernst nehmen und nicht immer so Sprüche bringen wie: „hab dich nicht so“ „es scheint die Sonne, hab mal Spaß“ und so ein Dreck. Ihr meint es lieb, aber es bringt einfach nix.

Ich wünsche mir einfach, dass man mal versteht, dass das eine echte Krankheit ist.

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